Samstag, 7. Januar 2017

Durch die Wüste

Sonnenaufgang in der Wüste. Kann man machen.

Es dauert fast drei Stunden bis wir das erste mal so richtig steckenbleiben. Mit richtig meine ich hier, dass wir nicht nur kurz stehenbleiben müssen damit wir den anderen kurz beim schieben helfen, sondern eine geschlagene dreiviertel Stunde graben, schieben, versagen, graben, verschieben, Bretter unterlegen, zerbrochene Bretter wieder ausgraben, versuchen, den grossen Sandberg auf dem sich das Auto zwischen den Rädern festgefressen hat, ein wenig wegzubekommen indem wir mit dem Wagenheber Luft schaffen und dann graben, und dann wieder schieben.
 
Wir sind eben verdammte Amateure in dem Thema. Unser Guide kann uns fürs erste leider nicht helfen - wir wissen es zu diesem Zeitpunkt nicht, aber der steckt selbst mit Serjs Allrad etwas ausser Sichtweite fest und es wird noch ein wenig dauern, bis sie zurückkommen. Als er schliesslich da ist, sieht er kopfschüttelnd auf unsere Versuche, teilt uns mit diese ganzen Dummheiten sein zu lassen und einfach nur zu graben und dann mit aller Kraft zu schieben was das Zeug hält. Und siehe da, nach ein oder zwei Versuchen mit der geballten kraft von 6 Männern, die sich hinter dem Auto drängen und Punkte suchen um auch mit anzupacken, kriegen wir Kalle aus dem Sand.
graben und graben und
uuuund frei :)

Das schöne dabei ist, dass die ganze Anstrengung die Stimmung nicht wirklich beeinträchtigt. Wir haben es erwartet und irgendwie wär es ja auch langweilig gewesen wenn wir immer ganz unproblematisch durchgekommen wären. Also klopfen wir uns auf die Schultern, machen männliches Ritualzeug um uns gegenseitig unsere Stärke zu beglaubigen, und trotten rüber zu Betsy [1], und beginnen zu graben.
und auch sonst wird viel gegraben & geschoben
 So und ähnlich wird es den ganzen Tag gehen. Wie schon erwähnt, macht es wirklich, wirklich Spass hier durch die (Semi)Wüste zu brettern, durch sich beständig änderndes Gelände, mal durch tieferen Sand und mal über festen Schotter. Unsere Reifen sind auf rund 0.8 bar entleert um mehr Grip zu haben, das bewährt sich. Und so fahren wir, über Hügel und nichts, durch mehr oder weniger gelbe Streicher und vorbei an Kamelen und einzelnen Hütern, klettern während der Fahrt auf die Dächer unserer Autos (weil wir’s können) und machen auch heute wieder jede Menge mässig kluger Dinge, alles um ein paar gute Aufnahmen zu erhaschen. Man kommt schliesslich nicht jeden Tag hierher.
das wollte ich schon immer mal machen :D

Das ganze hat die Geistige Reife von Volksschülern, bestenfalls. Aber das ist ok, ein wenig retrograde Infantilität hat im Zweifelsfall noch nie geschadet. Zwischendurch kommen wir in eines der skurrilsten Ferienressorts die ich je gesehen habe: zwei dutzend nicht stromversorgte Jurten mitten im Nichts, ohne Strasse hin oder zurück, an einem recht idyllischen Strand. Es sind ein paar Leute hier, zwei Familien schätze ich, aber was man hier eigentlich tut ist mir schleierhaft. Wenn das die mauretanische Vorstellung von Tourismus ist, ist auch nachvollziehbar, warum das hier kein relevanter Wirtschaftszweig ist.


Stärkeren Eindruck als dieses skurril entvölkerte Feriendorf macht dann jenes, dass bei der Ranger-Station des Band d’Arguin Nationalparks ist. Nebeninformation: wir fahren hier die ganze Zeit durch diesen Nationalpark, auch wenn mir unklar ist was die genauen Auswirkungen dieser Naturschutzzone sind. Müllvermeidung kann es nicht sein, aber wir sind ja natürlich auch nur bedingt an der Natur per se interessiert - per se gäbe es hier auch bezüglich der Fauna einiges zu sehen, Fennes Sandfüchse, Goldschakale, Dorkasgazellen und Streifenhyänen sind nur einige der von Wikipedia in diesem Zusammenhang erwähnten Tierarten. Gleichwohl, dass man nur wenige davon zu Gesicht bekommt wenn man in fünf abgewrackten Autos durch die Gegend poltert, versteht sich auch von selbst.





[1] Nick & Moonies 1985er Volvo für jene, die es nicht mehr wissen.

Freitag, 6. Januar 2017

In die Wüste

Nach gut acht Stunden an der Grenze sind wir dann endlich in Mauretanien. Unser Minenfeld - Guide verabschiedet sich und wir fragen noch rasch, wo denn die nächste Tankstelle sei, bei der man Benzin bekommt. 


Guide: Diesel? 
Wir: Nein, Benzin.
Guide: Essence? 
Wir: Ja, Essence. 
Guide: No Diesel? 
Wir: Nein, Essence. 
Guide: No Diesel? 
Wir: Nein. We need Essence.
Guide: Oh.

Heitere Benzindiskussionen
Stirnrunzelndes Schweigen des Guides, dann stellt sich heraus dass es das hier nur in Noadibou gibt (das in der anderen Richtung liegt, 1.5h Umweg), und natürlich in Nouakchott. Bei Kalle hat aber eben das Reservelicht aufgeleuchtet (wir sind ja nicht mehr zum Tanken gekommen bei der Grenze, was für ein wenig Missstimmung im Team sorgt) und wir haben demzufolge gerade mal 40 Liter in unseren beiden Kanistern - rund 400km also bei dem doch eher durstigen Gesellen, mit dem wir unterwegs sind. Bis Nouakchott sind es 390 über die Strasse. Nach einigem herumrechnen kommen wir zum Schluss, dass es genügen musste - der Peugeot von Mark und Chris braucht nur wenig Sprit und sie haben zwei volle Kanister, und können uns einen abgeben. Na gut, sagen wir. Dann riskieren wir es eben, und fahren nach Süden.
Die Kilometer ziehen sich auf der Strasse dahin. Es ist ein versandetes Steppengebiet mit einer menge Sträuchern und anderem widerstandsfähigen Gewächs, aber keinerlei Landwirtschaft oder ähnlichem. Ganz offensichtlich sind die Menschen hier unglaublich arm. Und mit unglaublich meine ich ein Level, dass West-Timor oder Madagaskar im Vergleich als echt ok erscheinen lässt.
Hütten, Autowracks, Hütten und ab und an eine Moschee. Wenig Abwechslung hier.
Begleiteten uns durch unseren Weg in der Westsahara noch die unvermeidlichen Strommasten Kilometer auf Kilometer, gibt es hier nichts dergleichen. Kleine armselige Hütten, nach denen sich windschief definieren liesse und die mal aus blech, mal aus Lehm, mal aus irgendwas betonartigem und mal aus etwas, das wie Pappe aussieht, gebaut sind. Keine hat einen Stromanschluss. Auch sonst gibt es hier nichts, von dem man leben könnte. Es ist mir ein Rätsel. Der unterschied zu Marokko ist wie Tag und Nacht. Klar, auch in Marokko ist alles recht heruntergekommen und wirkt lieblos, die Toiletten sind manchmal ekelhaft und es liegt Müll herum, aber hier gibt es einfach nichts, außer Slums und diesen unglaublichen mengen an Plastikmüll. Auch die Checkpoints der Polizei, wir verteilen mal wieder eine Menge Fiches, sind deutlich weniger Laisser-faire: wir bleiben 100m vor dem Typen stehen, und dann fahren die Autos einzeln bis zu ihm vor, geben ich die Zettel, reden ein wenig, und fahren weiter. Nichts von der generellen Freundlichkeit in Marokko. Einfach trist hier alles.

Dieses Bild gibt die Stimmung bei Polizeikontrollen ziemlich gut wieder.


Nach rund 150km biegen wir rechts ab. Hier ist genauso nichts wie überall anders, aber scheinbar ist das hier besser, was weiss ich. Und damit Beginn unsere Fahrt off-road, in vier denkbar ungeeigneten Fahrzeugen und einem 4x4 Toyota, bei dem wir nicht sicher sind wie sich der Allrad einschalten lässt. Was kann dabei schon schief gehen :-).

Volvo in der Wüste.

Und es macht einfach unglaublichen Spass. Rund eine Stunde fahren wir bevor wir zum campen halt machen, uber wie gebügelt erscheinenden schotterpisten, und toben uns mit unseren Kisten aus. Überholen uns gegenseitig mal, fahren dann in einer Reihe parallel einfach nur weil es geil ist, machen Videos und geniessen das, wofür wir letztlich die tausenden Kilometer auf uns genommen haben: in einer schrottreifen Kiste durch die Wüste zu pflügen und Videos davon zu machen. Und darin sind wir wirklich gut.

Da es, der Grenzübergang hat wirklich gedauert und es ist erstaunlicherweise ja noch immer derselbe Tag, an dem wir frühmorgens zur Mauretanischen Grenze aufgebrochen sind, stoppen wir im nirgendwo, parken die Autos im Kreis, bauen die Zelte und warten auf Indianer um unsere Wagenburg zu testen.
video

Als keine kommen, machen wir Lagerfeuer und Abendessen, wie immer begleitet von Musik von Schlaminger und Livemusik von Moony, guter Stimmung und dem Gefühl von Geborgenheit in einer guten Gruppe von Leuten inmitten dieses unglaublichen Nichts ringsum.

Schliesslich gehen recht früh schlafen, am nächsten tag sollen wir um 8 in den autos sein und losfahren. Ein langer Tag durch die Wüste erwartet uns.

Das wird grossartig.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Ein Grenzübergang in sehr, sehr vielen Akten (aber fast ohne Fotos).

Es ist 14.37. Wir fahren durch den zweiten Schranken und lassen uns auf einem Stück Sand zum parken einweisen. Nach kurzem Warten wimmeln wir die nächsten beiden Geldumtauscher ab und folgen dem Guide in das Gebäude mit 'Policia'.
Wie immer versteht er meine Fragen nicht, also gehen wir eben mit und stehen im Eingangsbereich in einem wie immer sehr heruntergekommen Bau. Es gibt einen kleinen Innenhof mit etwas, das vielleicht mal ein Wasserbecken unter freiem Himmel war, 2x2 meter gross und etwa 30cm tief, mit Säulen an den Ecken die das Dach halten. Vermutlich hat hier zur richtigen Zeit früher die Sonne auf das Wasserbecken geschienen, der ursprünglich freie Bereich des Daches ist jedoch mittlerweile mit verblichenem Wellplastik gedeckt, in dessen Rinnen sich der hingewehte Sand deutlich gegen das Licht abzeichnet.
Es gibt fünf Türen und eine Treppe, wohl aufs Dach. Was in welchem Zimmer passiert ist völlig unklar. Es gibt für uns nichts zu tun, also setzen wir uns auf den Rand des Wasserbeckens und warten. 

Der Guide verschwindet in der ersten, kommt nach einiger Zeit heraus, fragt etwas, verschwindet wieder, und fragt wer von uns nach Mali will, lässt sie sich in einer Gruppe aufstellen nur um kurz danach mit Sergj in einem anderen Raum zu verschwinden. Dann passiert wieder nichts, Stempel sind zu hören, und wir haben einen Zettel mehr. Dann warten wir wieder.

So geht es seit rund 7 Stunden. Zuerst waren wir auf der Marokkanischen Grenze. Wir waren früh aufgebrochen und lange vor der Öffnung der Grenze dort. Es zahlte sich aus - es sind nur wenige Wagen vor uns, und wir kommen mit ca. 10 anderen Wagen bei der ersten Schrankenöffnung durch. Ich komme dadurch leider nicht mehr zum Tanken, weil wir auf keinen Fall den Moment verpassen wollen. 
Danach geht es erst mal zu den ersten Stempeln, das System ist ungewöhnlich aber funktioniert: da die Beamten sich nur ungern mit solchen Details geben, werden die Pässe am Fenstersims draussen aufgestapelt und der Reihe nach durch das ca. 10 cm offen stehende Schiebefenster gereicht. Es ist wirklich unglaublich, eigentlich. Es ist gerade etwas zu hoch, um vernünftig durchsehen zu können, und auch wenn man auf einem Mauervorsprung stehen kann, ist es äusserst unbequem das zu tun, weil man sich nirgends richtig festhalten kann. 
Das dieses System funktioniert, ist schon bemerkenswert, aber es läuft sehr geordnet, fair und friedlich ab. Das Fenster wird dann rechts ab und an ein paar cm geöffnet, um Pässe durchgeben zu können. Der dicke weinrote Stapel ist unserer.

Gleichwohl, etwa 30 Minuten später sind wir an der Reihe und bekommen unsere Stempel. Dann gehts 10 meter weiter nach vorne, die Wagen werden vom Drogenhund durchsucht, dann gehts in einen anderen Raum um die Stempel für die Wagenausreise, dann wieder 10m weiter zu einem weiteren Häuschen und noch einer Hütte, in der, der Stempel abgeholt werden können. 
Dann sind wir als erste durch und fahren ins Niemandsland, in dem jede Menge Guides warten um uns durch das Minenfeld zu führen, dass irgendwie überraschend Unspektakulär ist. Das erste und wohl auch letzte Minenfeld meines Lebens ist ein versandeter Felshaufen, in dem auf unklaren Wegen gefahren wird. Mit einer Menge Plastikmüll und überraschend vielen herumstehenden Leuten (die rege an unterschiedlichsten Autos hantieren und Kennzeichen wechseln) wirkt es nur wenig bedrohlich, natürlich auch weil wir als drittes Auto in einer Kolonne fahren. 
Viel los im Minenfeld

Nach etwa 20 Minuten sind wir durch und stehen auf der Mauretanischen Seite. Hier geht es nun durch drei Schranken so ab wie oben beschrieben, bis wir - etwa 20 Minuten nach der einleitenden Sequenz - auch dort alle Dinge beisammen haben und die letzte Schranke passieren.

Als hätten wir nicht die letzten paar stunden damit verbracht, die drei Schranken auf Mauretanischer Seite zu passieren - Zoll, Militär und Polizei - ist keine 150m nach der Grenze schon eine Strassenkontrolle. Naja. Zumindest sind wir hier.

Dienstag, 3. Januar 2017

Fiche Fiche Fiche - 1300km bis zur Mauretanischen Grenze

Die Reise durch die Westsahara bis nach Mauretanien gestaltete sich im grossen und ganzen unaufgeregt, und sehr sehenswert. Es dauert ein wenig, bis wir es von Tafraoute an die Küste geschafft haben, und von dort aus geht es dann im wesentlichen geradeaus, für ca. 1000 km.

Where the streets have no name

Die Fahrt erinnert ein wenig an die Känguru-Chroniken: Tunnel - Tunnel - Tunnel - Windkraftwerk Windkraftwerk - Tunnel Tunnel Tunnel - Windkraftwerk Windkraftwerk, nur dass hier anstatt der Tunnels entweder Mobilfunksendemasten oder Polizeikontrollen auftauchen.

Letztere sind im Allgemeinen sehr entspannt. Man wird an die Seite gewinkt, begrüsst sich und fragt wie es geht, woher man komme und wohin man fahre, danach wird nach den Fiches [1] gefragt, die Polizisten wünschen und meist glaubhaft klingend eine gute Reise, und dann ist man wieder unterwegs.

Ansonsten begleiten einen nur die Strommasten, Kilometer auf Kilometer auf Kilometer ziehen sie sich entlang der Strasse dahin. Rechts ist das Meer. Links die Wüste oder Steppe. Sonst gibt es nicht, ausser alle paar hundert Kilometer eine Stadt oder ein Dorf.

Die erste Nacht verbringen wir im Zelt im Le Camp Bedouin, der Weg dorthin ist unser erstes kurzes Stück offroad (und natürlich in der Nacht, wieder mal für uns zu Früh untergegangen). Ich habe grobes Kopfweh und verpasse die Gruppenzusammenkunft  weil ich mich gleich nach dem Aufstellen des Zeltes schlafen lege, aber seit Tarifa waren nicht mehr so viele unseres Haufens am selben Ort. Am nächsten Tag sind aber wieder fast alle Weg, bis auf Saji und Vaida. Sie machen das Quintett vollständig, das bis Nuakschott zusammen unterwegs sein wird.
Le Camp Bedouin
Moony & Dave
Mark & Chris
Am nächsten Tag geht es wirklich nur gerade aus, Kilometer auf Kilometer, Mobilfunkmast auf Mobilfunkmast. Eine grandiose Fahrt durch Sand, Steppe und dann wieder Sand.  Am Abend findet Lena einen perfekten Strand um dort das Nachtlager aufzuschlagen. Für alle extrem amüsant, bleibt Seji im einzigen wirklich geländetauglichen Auto (einem Toyota Hilux) im Sand stecken, und wir haben die erste grosse Grab- und Schiebeaktion der Tour. Der Rest des Abends ist gemeinsames kochen, Musik von Michi Schlaminger, Lagerfeuer und  dann noch ein paar Lieder von Monet auf seiner Gitarre, der ein wenig seines Bandrepertoires zum besten gibt. Wir haben ne gute Crew erwischt, keine Frage.

Wir werden am nächsten Tag noch bis kurz vor der Mauretanischen Grenze fahren und im Hotel Barbas Unterschlupf finden um dann um 5h zur Grenze aufzubrechen. Ein langer Tag des Wartens wartet auf uns.

Ein paar Tankstellenimpressionen & nur noch 1430km bis Dakar


[1] Fiches, das sind im wesentlichen Schmierzettel in denen die Passinformationen und die des Autos abgeschrieben sind. Sieht dann in etwa so aus:

Wir hatten die Empfehlung im Roadbook zuerst eher belächelt, dass man zumindest 30 oder 40 mit auf die Reise nehmen sollte, vor allem, nachdem bis Marrakech niemand danach fragte. Denkste. Ab der Westsahara schmolzen sie dahin wie Eis in der Wüste, und in Nuakschott sollten wir zu einem recht abstrusen Preis von unserem letzten(!) Fiche Kopien machen müssen.

Ein Unfall, viel Glück und auf nach Süden. Das Abenteuer beginnt.

Wir hatten heute einen Unfall.
Nun, nicht wir im Sinne von Lena oder Richie oder Kalle, aber einer unserer Crew. Wir hatten uns um 8 Uhr früh im Süden von Marrakesch getroffen, um zum ersten Mal im Convoy zu fahren, über einen niedrigeren Teil der Atlas - Berge nach Süden.
Bereit zum Aufbruch. Sofort nach dieser Zigarette
Guter Laune fahren wir in vier Wagen noch kurz tanken, teilen die WalkieTalkies auf und sind unterwegs, als wir keine 50m von der Tankstelle die Fasty Rascals in unserem Rückspiegel umdrehen sehen. Ein klammes Gefühl in der Magengegend warten wir auf eine Lücker und fahren zurück. Ein Moped liegt in der Strassenmitte.
'Liegt da jemand auf der Strasse?' - 'Oh mein Gott, die da wurde wer überfahren' - 'Okay, die Jungs stehen noch bei der Tankstellenausfahrt' - 'Gott sei dank, sie hatten nix damit zu tun.' - 'Fuck, sie waren wohl beteiligt, die Stossstange hängt halb runter'.
So etwas will man ohnehin nicht sehen, aber schon gar nicht, wenn man daran beteiligt ist.
Und so war es auch. Rund um das gestürzte Moped, sind Fische verteilt und ein älterer Mann liegt daneben, aus irgendwelchen Gründen mit Sturmmütze unter dem Helm, die er nie abnehmen wird ausser ganz kurz für die Untersuchung beim Rettungswagen einige Zeit später. Ein gutes Dutzend Marokkaner haben sich mittlerweile um die Unfallstelle versammelt, ein weiteres steht am Straßenrand und diskutiert. 
Nick und John stehen verständlicherweise da wie vom Donner gerührt - sie hatten den Mann einfach beim hinausfahren übersehen und umgeschoben.

Beide sind extrem nervös, und das völlig zurecht. Hatten sie doch schlicht verpasst, eine Versicherung für Marokko zu lösen, eine grosse, grosse Dummheit, aber es ist eben so.
Letztlich haben sie aber Glück im Unglück: der Fahrer ist kaum verletzt und mit ein paar Prellungen davongekommen. Natürlich findet die Polizei irgendwas heraus das es keine Versicherung gibt, und es ist nochmals eine Zeitlang unklar, wie wohl damit verfahren wird.
Ein Marokkaner, der recht gut Englisch spricht (er heisst Abdul, so wie alle hier), hat uns die ganze Zeit geholfen und zwischen den Gruppen übersetzt und - vor allem uns, die Marokkaner waren immer recht entspannt - hinreichend beschwichtigt, dass alles so gut gelaufen ist wie es letztlich ist.

Man einigt sich nach zwei Stunden mit dem Mann und der Polizei auf rund 150 Euro um den Schaden zu begleichen, wir sammeln die letzten verstreuten Fische ein (vermutlich werden die später noch am Markt verkauft :) und die beiden Jungs müssen mit in die Stadt fahren um sofort eine Versicherung zu lösen.

Erleichtert fahren wir zu dritt die geplante Tour mit knapp zwei Stunden Verspätung los, Nick und John werden über die Autobahn nachkommen, sobald sie die Versicherung geregelt haben. Alles ist gut, Du meine Güte. Das hätte, insbesondere wegen der fehlenden Versicherung, auch gut mit Gefängnis und finanziellem Ruin enden können, und die Tour vorbei für sie und - aus Schock und überhaupt - vielleicht auch für uns.

Aber, es ist ja kaum etwas passiert und wir machen uns zu dritt auf den Weg. Und dieser ist atemberaubend schön. Durch eine vielfältige, abwechslungsreiche grüne Landschaft schlängelt sich die Bergstraße zwischen Seen und Tälern. In der Ferne kommen die hohen Berge näher, die wir aber an diesem Tag nicht erreichen werden - nicht mal auf dieser Reise, streng genommen.

Fast wichtiger ist aber, dass es nun das erste Mal wie eine gemeinsame Sache wirkt. Im Convoy unterwegs wirkt alles nun realistischer, als würde es wirklich passieren, wir sind zum ersten Mal wirklich unterwegs - und nicht nur von Hotel zu Hotel darauf wartend, dass die Reise wirklich beginnt. Die beiden schwächeren Autos fahren vorne, Lena und ich hinten da wir ohnehin mithalten können und wir uns so nicht verlieren. Walkie-Talkies sind im ersten und letzten Wagen, der Mittlere kann durch Handzeichen sagen dass sie stehenbleiben wollen, aufs Klo oder Tanken müssen oder sonstige Probleme haben. Es funktioniert gar nicht mal so schlecht.

 

 Wie immer in diesem Land ist einfach alles auf der Strasse, was mindestens zwei Räder oder Beine hat.


Da wir ja ein paar Stunden später aufgebrochen sind (und irgendwo neben der Strasse ausgiebig Mit Sandwiches, Avocados, Ravioli, Tomaten und allerlei anderem picknicken, was das Gruppenerlebnis klar steigert hat) wird es natürlich wieder mal dunkel, aber da die Bergregionen wenig befahren und nicht so dicht besiedelt sind, ist es nicht allzu anstrengend - rund eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit kommen wir in Tafraoute an.
Erstes Picknick 

The Fasty Pascals Moony und Dave ("Betsy", 1985 Volvo 340)

The Rearenders Chris und Mark (1991 Peugeot 205)
und ein Reiter im wunderbaren Licht des Sonnenuntergangs

Nick und John sind rund eine halbe Stunde später ebenfalls da, sie sind tatsächlich mit dem Schrecken und moderatem finanziellen Schaden davongekommen. 
Morgen geht es dann weiter, einen sehr langen Fahrtag ins Beduinencamp, und damit in die Westsahara. Alle haben das Gefühl, das es jetzt so richtig losgeht.
Sand! Yeah!